Warum Endokrinologen manchmal gerne Chirurgen wären …
Metabolische Chirurgie bringt bis zu 70 Prozent
adipöser Diabetes-Patienten in Remission, und das weitgehend unabhängig von der
Gewichtsabnahme. Experten fordern Kostenübernahme durch gesetzliche
Krankenversicherungen.
Hamburg, 31. August 2011 – Ihre wissenschaftliche
Evidenz ist belegt, Endokrinologen, Chirurgen und Ernährungsmediziner sind sich
einig über ihre Bedeutung speziell für adipöse Patienten mit metabolischen
Komorbiditäten – und trotzdem fristet die metabolische Chirurgie in Deutschland
ein mehr als bescheidenes Dasein. Nur etwa 6.000 Patienten werden hierzulande
jährlich operiert, nach Schätzungen der Expertengruppe Metabolische Chirurgie
kämen aber pro Jahr mehr als 20.000 für einen entsprechenden Eingriff in Frage.
Am Rande des 16. Weltkongresses der internationalen Vereinigung für Adipositas-
und metabolische Chirurgie (IFSO) forderten Vertreter der Expertengruppe daher,
die operativen Verfahren einschließlich der notwendigen Vor- und
Nachsorgemaßnahmen endlich in den Leistungskatalog der deutschen gesetzlichen
Krankenversicherungen aufzunehmen.
Metabolische Chirurgie ist mehr als reine
Adipositaschirurgie. Sie hat direkte Wirkungen auf den Stoffwechsel und das
weitgehend unabhängig von der Gewichtsabnahme. Lars Sjöström von der
Universität Göteborg (Schweden) stellte anlässlich des IFSO Auszüge aus der
SOS-Studie (Swedish Obese Subjects) vor. Seit 1987 werden in dieser
Langzeituntersuchung rund 4.000 adipöse Patienten beobachtet. Die Hälfte von
ihnen ist chirurgisch, die andere Hälfte konservativ behandelt worden. In der
Gruppe der Operierten war die Gesamtsterblichkeit bereits nach zehn Jahren um
29 Prozent verringert. Dieser Effekt sei sicher auf die deutlich stärkere
Gewichtsabnahme bei den operierten Patienten zurückzuführen, so Sjöström in
Hamburg: Die operierten Patienten verloren während der ersten zehn Jahre im
Durchschnitt 19,2 kg, während die konservativ behandelten 1,3 kg zunahmen
Einen kaum zu überschätzenden Einfluss haben
Sjöström zufolge aber auch die metabolischen Effekte der chirurgischen
Intervention: Bei mehr als 70 Prozent der insulinpflichtigen Diabetespatienten
kam es kurz nach der Operation zu einer Diabetes-Remission; das heißt, die
Patienten konnten auf die Insulingabe verzichten. Nach zehn Jahren befand sich
immer noch die Hälfte dieser Patienten in Remission. Mit einer konservativen
Therapie war dagegen keine Diabetes-Remission erreichbar. Diese ermutigenden
Ergebnisse werden Sjöström zufolge durch die kurz vor der Publikation stehenden
20-Jahresdaten der Studie bestätigt.
Intensive interdisziplinäre Kooperation ist unverzichtbar
Dass man bei adipösen Patienten mit einer
multimodalen konservativen Therapie keine wirklich befriedigenden Ergebnisse
erzielt, berichtete in Hamburg auch Matthias Blüher, Endokrinologe und
Adipositas-Experte von der Universität Leipzig. Speziell die metabolischen
Effekte der Operation seien bemerkenswert. Über den genauen Wirkmechanismus
gibt es Blüher zufolge zwar noch keine endgültigen Daten, klar sei aber, dass
die Ausschüttung gastrointestinaler Hormone verändert wird. Auslöser für diese
veränderte Hormonsekretion sind wahrscheinlich unverdaute Nahrungsbestandteile,
die durch die operative Verkürzung der Magen-Darm-Passage in den Dünndarm
gelangen.
Adipositas-Patienten profitieren von der
intensiven interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Endokrinologen,
Ernährungsmedizinern und Chirurgen, davon zeigte sich Blüher überzeugt. Und er
appellierte an seine Kollegen, sich genau dieser Kooperation nicht zu
verschließen: „Wir sollten begreifen, dass die Behandlung adipöser
Diabetes-Patienten nicht mehr nur Internistensache ist“.
Integriertes Behandlungskonzept gefordert
Bei aller Begeisterung für die metabolischen
Effekte der chirurgischen Intervention erinnerte Birgit Schilling-Maßmann
daran, dass die Operation allein für einen langfristigen Erfolg keinesfalls
ausreichend ist. Die niedergelassene Ernährungsmedizinerin aus der Nähe von
Münster in Westfalen erläuterte, dass die Therapie der hochgradigen Adipositas
(BMI >35 kg/m2) eine interdisziplinäre Aufgabe sei, die eine langfristige Einbindung
des Patienten in ein qualifiziertes Therapieprogramm erfordert. Am Anfang steht
Schilling-Maßman zufolge eine konservative Behandlungsphase, bestehend aus
Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Nur so könne man neben der
erforderlichen Lebensstilveränderung auch die Motivation und Selbstdisziplin
der Patienten prüfen, die für den langfristigen Therapieerfolg ausschlaggebend
sind. Auch nach der Operation benötigen die Patienten eine regelmäßige
medizinische Nachsorge, um den Behandlungserfolg zu sichern.
So ideal ein solches Gesamtkonzept klingen mag,
in Deutschland ist es unter den gegebenen Voraussetzungen nur dann
durchführbar, wenn der Patient einen Großteil der Kosten selbst übernimmt.
Zumindest galt das bis Ende August 2011. Mittlerweile hat der Medizinische
Dienst der Krankenversicherungen (MDK) bundesweit ein ambulantes, multimodales
und interdisziplinäres Patientenschulungsprogramm anerkannt. DOC WEIGHT®, ein
einjähriges Schulungsprogramm, werde daher künftig von den gesetzlichen Krankenversicherungen
anteilig finanziert, teilte Schilling-Massmann in Hamburg mit.
Völlig unterfinanziert ist allerdings nach wie
vor die lebenslang erforderliche Nachsorge von operierten Patienten. Es gehe
darum, bei diesen Patienten den Erfolg langfristig zu sichern und gleichzeitig
zu gewährleisten, dass die notwendige Versorgung mit Mineralstoffen und
Vitaminen aufrechterhalten wird. Dazu die Ernährungsmedizinerin: „Der
Medizinische Dienst der Krankenkassen macht eine gesicherte Nachsorge zur
Voraussetzung für die Genehmigung der Operation – die gesetzliche Krankenkasse
aber zahlt die dazu notwendigen Leistungen gar nicht oder nur unvollständig. So
wird sich eine flächendeckende Versorgung der operierten Adipösen nicht
etablieren können.“
Metabolische Effekte auch bei Patienten mit
niedrigerem BMI nutzen
Stolpersteine auf dem Weg zu einer wirklich
effizienten Behandlung von Adipositas und ihren metabolischen
Begleiterkrankungen zu beseitigen, das ist für Matthias Schlensak die
wichtigste Aufgabe der nächsten Jahre: „Es geht eben um mehr als nur um
Gewichtsabnahme; die metabolischen Effekte dieser Operationen bieten uns
erstmals die Möglichkeit, einen Typ-II-Diabetes auch mit dem Skalpell zu
behandeln,“ so der Adipositas-Chirurg aus Düsseldorf. Die Operation erziele
das, was die Tablette oder das Insulin oftmals nicht schafften, nämlich den
Diabetes zurück zu drängen. „Aber,“ so Schlensak, „wichtig bleibt nach wie vor
die Betreuung durch den Diabetologen.“
„In Deutschland dürfen die Möglichkeiten der
metabolischen Chirurgie nicht länger ignoriert werden“, forderte Rudolf Weiner,
Kongresspräsident des IFSO 2011 und ebenfalls Mitglied der Expertengruppe. Auch
volkswirtschaftlich gesehen, werde es Zeit, so Weiner, sich den
Volkskrankheiten morbide Adipositas und Diabetes ernsthaft anzunehmen, mit
anderen Worten: Die metabolischen Effekte der chirurgischen Intervention
sollten nicht nur bei adipösen Typ-II-Diabetikern, sondern beispielsweise
bereits bei Patienten mit einem BMI von 30 kg/m2 genutzt werden.
Multizentrische Studie bei normalgewichtigen
Diabetikern angekündigt
Mit diesen Forderungen steht die Expertengruppe
Metabolische Chirurgie keineswegs allein da. Anlässlich des 16. IFSO 2011 in
Hamburg hat auch die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie
(DGAV) ihren Standpunkt zur bariatrischen beziehunsweise metabolischen
Chirurgie deutlich gemacht. Außer Zweifel steht für die Fachgesellschaft die
Wirksamkeit des Verfahrens in Bezug auf Gewichtsreduktion und die wirksame
Behandlung der Komorbiditäten wie Typ-II-Diabetes. Darüber hinaus plädiert die
Gesellschaft für einen frühzeitigen Einsatz der Verfahren zur
Diabetesbehandlung auch bei normalgewichtigen Patienten. Die Universität
Heidelberg hat darüber hinaus die randomisierte Studie DiaSurg-2 auf den Weg
gebracht, in der bei 150 insulinpflichtigen normal- beziehungsweise
übergewichtigen Diabetespatienten die Wirksamkeit der konservativen Behandlung
mit zwei chirurgischen Verfahren verglichen werden soll.
Die Expertengruppe Metabolische Chirurgie ist eine interdisziplinäre Gruppe aus Diabetologen,
Chirurgen, Endokrinologen und Ernährungswissenschaftlern, die den Diskurs über
die Möglichkeiten und evidenzbasierten Erfolge der Adipositas-Chirurgie und
ihrer metabolischen Effekte vorantreiben will. Sie möchte zum Verständnis der
Einsatzgebiete und Methoden der chirurgischen Therapie beitragen und die
Akzeptanz der Adipositas-Chirurgie, vor allem beim Vorliegen der
Begleiterkrankung Diabetes, bei Ärzten, Krankenkassen und der Gesundheitspolitik
steigern. Die Expertengruppe agiert unter dem organisatorischen Dach der
Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) und
kooperiert mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE sowie
mit der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE).
16. Weltkongress der Internationalen Vereinigung
für Chirurgie der Adipositas und Stoffwechselerkrankungen (IFSO 2011) - Die neuen Techniken auf dem Gebiet der
Adipositaschirurgie und die „Metabolische Chirurgie“ werden auf dem XVI.
Weltkongress der International Federation for Surgery of Obesity and Metabolic
Disorders vom 30. August bis zum 3. September 2011 in Hamburg (CCH)
vorgestellt. Der Begriff „Metabolische Chirurgie“ wurde in den 70er Jahren
durch Buchwald im Rahmen der POSCH-Studie erstmals verwendet, sie zieht sich
wie ein roter Faden durch den gesamten Kongress: www.ifso2011.de
Adipositas
ist eine chronische Krankheit, die sich epidemieartig ausbreitet und eine
enorme finanzielle Belastung für das Gesundheitssystem darstellt. Ungefähr
jeder fünfte Deutsche zwischen 18 und 80 Jahren ist übergewichtig;
schätzungsweise 960.000 Deutsche (1,5 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und
80 Jahren) haben einen BMI über 40 und sind damit morbid adipös. Häufig leiden
die Patienten unter Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2. Das
krankhafte Übergewicht ist kein Lifestyle-Phänomen, das allein durch gesunde
Ernährung und Bewegung zu bewältigen ist. Die metabolische Wirkung der Adipositas-Chirurgie
auf Diabetes bei Patienten mit sehr hohem Übergewicht ist wissenschaftlich
gesichert und belegt.